Ich fahre die Serpentinen in Richtung Mulino. Es ist später Nachmittag und ich freue mich, in der üppigen grünen Welt anzukommen.
Kurz vor dem Abbiegen auf´s Grundstück kommt mir Giacomo in seinem Jeep entgegen, zum ersten Mal in den drei Jahren. Kein Zufall, hüpft es mir durch den Kopf. Ich hebe natürlich und freundlich die Hand – und statt einer ebenfalls grüßenden Hand sehe ich seine Augen. Wütend. Er sieht mir direkt ins Gesicht und scheint etwas zu sagen. Nichts Freundliches, das ist sicher. Kurz bewegt sich auch seine Hand und er fährt an mir vorbei.
Ein Geschmack von Krieg, fühle ich erschrocken. Vor meinem inneren Auge sehe ich zwei wütende, starke Männer, die sich verwundet haben. Und entschlossen sind, keinen spaltbreit zur Seite zu gehen.
Diese Atmosphäre ist mir vertraut und ich werde still. Als wenn das Leben mir etwas direkt vor die Nase setzt, von dem ich dachte, dass es vorbei ist.
Gewalt, Stolz, Trennung, bewusst oder nicht: das ist die Saat für Spannung. Für Leid.
Gestern Abend in der Pizzeria legte Piero seine Handgelenke übereinander und sagte: die Falle, die Giacomo ihm mit den Balken gestellt hatte, sei absolut unmöglich gewesen. Es gebe daraus kein zurück mehr. Er mache jetzt eine klare Ansage. Er sei die ganze Zeit einfach viel zu gutmütig gewesen.
Ich höre ihm zu. Und verstehe. Ich weiß, dass er das so machen wird. Und bitte ihn, beizeiten „von Herzen“ zu sprechen. Und nicht mit Druck und Drohung.
Ich erinnere mich an den geliebten Satz von Rumi: Du kannst den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen. Tut immer wieder gut, diese Erinnerung. Wie eine warme Hand im Rücken. Hin zu einer friedlichen, herzlichen Sprache.
Ich bin gespannt. Abwarten, ob sich ein guter Moment ergibt, etwas Gutes zu sagen. Hooponopono kommt mir in den Sinn. Das Ritual aus Hawai. Vergebung. Ich könnte ihn fragen, ob es möglich ist, den Nachbarn dabei zu unterstützen, dass er „sein Gesicht nicht verliert“.
Ich bin die Frau dahinter. Ich begleite und warte ab. Und genieße die Schönheit des Ortes und die Freiheit, hier zu leben.