Sonntagmorgen mit Sonne. Astrid reibt sich die Augen, als sie die Jalousie heraufzieht. Kein säumiges Zaudern, denkt sie und zieht die passenden Klamotten aus dem Schrank. Sie stapft los und freut sich, dass sie auf dem Weg nicht im Schlamm versinkt, sondern die alten Sneakers sie sicher den Berg hinauftragen.
Auf der Höhe angekommen hat sie Glück. Irene ist schon wach: die offene Haustür zeigt es an. Sie kommt gerade mit ihrem Müsli an den Tisch an der Steinwand.
Einem feinen, kleinen Austausch am Sonntagmorgen steht nichts mehr im Wege. Sie erzählt Irina von dem Ehepaar, das sie im Juli eine Woche lang von Pontius zu Pilatus durch die Ämter begleitet hatte. Genau genommen: deren bürokratische Ankunft (nach dem Hauskauf) in Italien sie komplett gemanagt hatte. Ganz selbstverständlich hatte sie das gemacht. Ungebeten. Und mit Freude und Hingabe.
Irgendwann nach ein paar Tagen verging ihr die Freude. Keinerlei Wertschätzung, häufig lange Gesichter, keine Freude. Ihre Augen blicken traurig. Sie zuckt mit den Schultern. Na ja, sind wohl keine Freunde mehr.
Beim Zuhören fühlte sich Astrid an die Zeit vor einem Jahr erinnert. Als sie selbst entdeckte, dass die Hilfsbereitschaft der Freundin mit der Erwartung verknüpft war, ihre Ideen umzusetzen. Irene schrieb ihr einen langen Brief und beschrieb all ihre Ratschläge, von denen einer mehr wehtat, als der nächste. Sie war aus allen Wolken gefallen. Erschrocken, verletzt und voller Widerstand.
Astrid ist dankbar, dass die Zeit die Wunde jetzt heilt. Beide zogen sich damals zurück. Und Astrid fieln nach und nach wie von selbst ein, warum das passiert war. Wie ein leckeres Essen, das beide zusammen versalzt hatten.
Die Wahrheit drängt ohne Gnade ans Licht, sagt Astrid. Das, was vorher nur irgendwie unangenehm war, bekommt jetzt so eine Art grelle Note.
Und Astrid erzählt von einer Bekannten, die permanent ja, aber sagt. Und es ist für Astrid, wie grelles Licht, von dem sie sich geblendet fühlt. Sie muss das zeigen, es geht garnicht anders. Und wünscht sich künftig die Zehntelsekunde der Wahl, es friedlich auszudrücken, statt, statt genervt und neunmalklug.
Astrid und Irene sitzen wieder zusammen in der sommerlichen Morgensonne und blicken in die Berge. Beide ein bedeutendes Stück weiter. Und wieder offen für die Schönheit der anderen.